Sexualität, Tantra und Alter

Interview mit Gabi, Tantra-Masseurin und Sexualcoach

Tantra Wechseljahre Yoni-Massage Sexualcoaching

"Die Wechseljahre fordern uns Frauen auf, uns zu be- und hinterfragen: Wo ist mein Platz im Leben, in der Partnerschaft? Was bedeutet Sexualität (noch) für mich?"

Gabi, du bist Jahrgang 1960 und mit deinem Alter eine Ausnahme im Massageteam von Ananda. Darüber hinaus hast die Ausbildung in diesem Berufsfeld erst im Jahr 2013 abgeschlossen.


Wie bist du letzten Endes dazu gekommen, den Beruf der Tantra-Masseurin zu erlernen?

Ich bin damals den klassischen Weg gegangen: ich habe geheiratet, eine Familie gegründet und zwei Kinder großgezogen. Aber ich war auch sehr unzufrieden mit meinem Sexualleben. Der Alltag hat zwar gut funktioniert, aber mit der Sexualität wollte es nicht so recht klappen. Die Ehe ist auseinandergegangen und ich begann, mich mehr und mehr mit dem Thema Sexualität auseinanderzusetzen. Ich machte Bekanntschaften mit anderen Männern, aber am Ende kam ich immer an den einen Punkt: entweder der Alltag oder der Sex gelingt, aber nie beides zusammen. "Das kann es doch nicht schon gewesen sein!" und "Es muss doch etwas anderes geben" waren Fragen, die mich umtrieben, bis ich schließlich auf das Thema Tantra aufmerksam wurde und einen gewissen Reiz und Neugierde verspürte. Ich meldete mich zu einem Jahrestraining "Tantra-Selbsterfahrung" an, in dem wir uns wöchentlich sonntags trafen und welches durch die sexualtherapeutische Leiterin eben auch therapeutische Ansätze beinhaltete. Es gefiel mir und ich blieb 3 Jahre dabei. Ich begann meinen eigenen Körper zu spüren, ich kam ins Fühlen und ich erweiterte und entwickelte mein persönliches Bewusstsein - alles ganz wundervolle Erfahrungen. Dies war der Anfang meiner Reise. Dann kam ich das erste Mal mit tantrischen Massagen in Berührung und es wuchs mein Bedürfnis, mit Massagen arbeiten zu wollen. Da mich auch Intimmassagen interessierten, erlernte ich bei TantraConnection in Essen die Yoni- und Lingam-Massage. Der nächste logische Schritt und die finale Entscheidung waren daraufhin schnell gefallen: ich wollte beruflich professionell massieren und absolvierte die Profiausbildung (TMV) bei TantraConnection.

Wie ist deine persönliche Sichtweise auf die Tantra-Massage?

Eigentlich war meine erste Tantra-Massage gar nicht so spektakulär, aber als ich mich danach im Spiegel betrachtete, fand ich mich das erste Mal in meinem Leben richtig schön. Das war ein sehr neues, aber auch einschneidendes und schönes Erlebnis und Gefühl, welches sich in mir ausbreitete. In der Profiausbildung bemerkte ich zudem, zu welcher Energie mein Körper fähig ist und er ausschütten und bereitstellen kann - etwas, das ich in der Form auch noch nicht kannte. Die Tantra-Massage hat meine Einstellung zu den Themen Beziehung und Sexualität sehr verändert. Meine eigenen Bedürfnisse sind mir nun viel klarer, ich weiß genau, was ich möchte und was mir gefällt und kann dies dementsprechend klar formulieren und kommunizieren. Meine Begegnungen sind nun Begegnungen auf Augenhöhe, denn ich beachte meine Bedürfnisse und bleibe viel mehr bei mir selber - auch in einer Partnerschaft. Man kann sagen, dass die Tantra-Massage mich zu mir selber geführt und mir gezeigt hat, mich selber mit großer Wertschätzung zu behandeln.

Was denkst du über die Tantra-Massage aus der Sicht einer Masseurin?

Aus Masseurinnen-Sicht ermögliche ich anderen Menschen über das Fühlen und Spüren eine Verbindung zum eigenen Körper herzustellen. Diese Form des körperlichen Erlebens ist für viele Menschen oftmals eine neue Erfahrung, die sie dazu befähigen kann, die ursprüngliche Haltung zu sich selber und seinem Körper ins Positive zu verändern. Im Laufe unseres Lebens haben wir viele erlernte und bekannte Verhaltensmuster und machen seltener neue Erfahrungen - insbesondere was unseren Körper und unsere Sexualität betrifft. Für mich ist die Tantra-Massage eine meditative Körper-Selbsterfahrung, auch um die mit dem Alter eingeschlafenen Gefühle wieder aufleben zu lassen.

Du sprichst über das Älterwerden und über eine damit verbundene "Gefühlstaubheit". Was genau meinst du damit?

Meine Generation hat eine besondere Geschichte. Unsere Eltern gehören der Kriegsgeneration an - traumatisierte Menschen, für die - bedingt durch Krieg und Not - Emotionen und Gefühle keine Rolle spielten. Sie mussten sich darum bemühen, die Grundbedürfnisse der Familie zu stillen. Für Eltern war es kein Thema ihre Kinder gefühl- und verständnisvoll zu erziehen. Deren Rolle war damals klar definiert: sie hatten still, brav und unsichtbar zu sein. Wenn kleine Kinder beispielsweise im Krankenhaus waren, durften sie von den Eltern nicht besucht werden. Das war einfach so. Wir kannten es also nicht anders und sind entsprechend "gefühlstaub" aufgewachsen. Zudem hatten Frauen weniger Rechte als heute und mussten beispielsweise ihre Männer fragen, ob sie arbeiten gehen dürfen. Das führt natürlich letzten Endes dazu, dass man seine Bedürfnisse wegdrückt, sich nicht mehr wahrnimmt und sich irgendwann selbst nicht mehr spürt.

Wenn wir nun die Geschichte der Frauen deiner Generation und den Verlauf ihres Lebens mit der Tantra-Massage verknüpfen - welche persönliche Aussage würdest du dazu treffen?

Alle Frauen kommen früher oder später in die Wechseljahre - eine Zeit des Umbruchs und auch des Aufbruchs zu sich selber. So würde ich es bezeichnen. Die Hormone und der Körper verändern sich und Frauen werden allein dadurch "gezwungen" sich mit sich und ihrem Körper auseinander zu setzen und erhalten aber genau dadurch die Möglichkeit, sich noch einmal ganz neu kennenlernen zu dürfen. Meist sind auch die Kinder erwachsen und aus dem Haus, sodass das Leben auch noch einmal neu definiert werden darf. Diese Veränderungen können durchaus so kraftvoll sein, dass frau sich unter Umständen komplett verwandelt. Die Wechseljahre fordern uns Frauen auf, uns zu be- und hinterfragen: Wo ist mein Platz im Leben, in der Partnerschaft? Was bedeutet Sexualität (noch) für mich?

Früher war man als Frau nach den Wechseljahren beinahe abgemeldet, doch dies ist heute anders. Immer mehr Frauen suchen nach Antworten. Die Tantra-Massage kann hier helfend und unterstützend einwirken, um Frauen einen neuen Zugang zu sich selber, ihrem Körper und ihrer Seele zu ermöglichen. Wie vorher bereits angedeutet - Frauen hatten früher nicht viele Rechte, was zur Folge hatte, dass sie sich oftmals über ihren Mann definierten. Sex war vielfach eine "lästige Pflicht", die zur Ehe dazugehörte, aber mit Lust in ihrer reinen Form nicht viel zu tun hatte.

Mit der Tantra-Massage können viele Unklarheiten und Unsicherheiten aufgelöst werden, denn auch nach den Wechseljahren und mit dem Älterwerden muss die Sexualität nicht aufhören. Denn Lust ist generell partnerunabhängig und immer da - aber auch unentdeckt oder in den Tiefen des eigenen Seins versteckt. Die Tantra-Massage kann hier wohlwollend und einfühlsam die Neuentdeckung der eigenen Lust begleiten und dazu beitragen, dass sich auch Frauen jenseits der Wechseljahre noch einmal vollständig fühlen und erleben dürfen.


Gabi Sexualcoaching Wechseljahre Yoni-MassageGabi ist seit Februar 2017 Teil des Ananda Teams. Sie hat neben der Tantramassage auch eine fundierte Ausbildung in Sexualcoaching für Frauen absolviert und eine sexualtherapeutische Ausbildung. Mehr über Gabis Hintergrund und ihr Angebot auf der Profilseite.