"Ich kann mein Leben nicht länger einfrieren.
Ich habe Schulden bei meinem Körper.
Ich habe ihn jahrelang jeder sinnlichen Berührung
durch andere Menschen beraubt.
Ich habe mir den einfachsten und wichtigsten
Genuss in meinem Leben nicht gegönnt..."

 

Das erste Mal

Die Sonne scheint. Es ist ein warmer, wolkenloser Tag. Ich zähle die Hausnummern der Frankfurter Straße in Köln. Ich habe mich schön angezogen, hatte die Kleidung schon vor ein paar Tagen zurückgelegt.
Während ich die Stufen im Treppenhaus hinaufsteige, taste ich meinen Puls. Er klopft schnell und kräftig. Noch bevor ich im zweiten Stock angekommen bin, öffnet sich bereits die schwere Tür. Eine fremde Frau begrüßt mich, und ich überlege, ob sie Silvia ist, die auf den Fotos ganz anders aussah. »Du bist der, der zu Silvia möchte?«, errät sie und führt mich in ein Zimmer, wo ich warten soll.

Nachdem sie mich verlassen hat, erkenne ich den Raum. Es ist das Zimmer »Wasser«. Ich wollte hierher, weil ich es auf den Fotos am schönsten fand. Und dennoch übertrifft es meine Erwartungen. Der Raum ruht in einem breiten und hohen Fenster, das ihn zu umarmen scheint. Licht schmilzt in seinem weißen Vorhang. Ich bin überrascht von dem Massagetisch - denn ich hatte nur eine Matte auf dem Boden erwartet. Der Raum wirkt auf den ersten Blick fast leer. Mein Auge entdeckt erst nach und nach seine Geheimnisse. Er ist hell und klar.

Silvia betritt das Zimmer. Ihr Gesicht ist fremd und vertraut zugleich. Sie begrüßt mich sehr freundlich. Ich weiß, dass sie alle Gäste so herzlich willkommen heißt. Es ist Teil ihrer Arbeit. Ich sehe es ihrem Lächeln an und höre es in ihrer Stimme. Es könnte gar nicht anders sein, denn wir sind uns ja noch fremd. Dann beginnt das Eis zu brechen, als ich auf ihre Frage hin offen zugebe, aufgeregt zu sein. Denn ich bin aufgeregt. Ich hatte vor dieser Begegnung Angst. Ich hatte Zweifel und Bedenken. Ich war gestresst und habe sogar ein-, zweimal schlecht geschlafen. Mein Geständnis entlockt ihr ein Lächeln. »Das ist normal«, sagt sie, »dass man beim ersten Mal aufgeregt ist. Das macht es noch schöner.«

Sie zeigt mir, wo ich meine Kleider ablegen kann, und lässt mich allein. Ich ziehe mich aus und stelle fest, dass das neue Paar Socken auf meinen Zehnägeln eine schwarze Kante hinterlassen hat, die mir peinlich ist. Ich versuche, sie wegzureiben. Dann betrachte ich die beiden Kimonos auf der Kleiderstange. Der schwarze ist mir etwas unheimlich, da ich nicht auf Anhieb verstehe, wie er geschnitten ist. Also lasse ich ihn hängen und nehme den blauen. Ich gefalle mir ganz gut darin und betrachte mich im Spiegel. Dann gehe ich weiter um den Massagetisch herum und betrachte die kleinen Dinge, die am Boden dekorativ angeordnet sind. Manches kommt mir bekannt vor.


Als Silvia zurückkommt, erzähle ich ihr, dass ich noch nie eine Freundin hatte. Sie soll wissen, dass ich ihr einen Teil meiner »Unschuld« schenke. Auch darüber habe ich in den letzten Tagen nachgedacht. Ich kann mein Leben nicht länger einfrieren. Ich habe Schulden bei meinem Körper. Ich habe ihn jahrelang jeder sinnlichen Berührung durch andere Menschen beraubt. Ich habe mir den einfachsten und wichtigsten Genuss in meinem Leben nicht gegönnt. Ich habe mir selbst damit wehgetan. Es hat mich unglücklich gemacht. Mein Leben war von Körper- und Sexualfeindlichkeit geprägt. Nachdem mir das bewusst geworden war, entdeckte ich die gleichen Hemmungen in meiner Familie, meinem Freundeskreis und allen westlichen Kulturen. Und ich beschloss, ein ganzer Mensch zu werden. »Darum bin ich hier«, schließe ich. »Das ist ja dann spannend«, sagt sie berührt. »Das dachte ich«, antworte ich lächelnd.


Die Fronten sind geklärt. Ich bin noch Jungfrau und habe sie auserkoren, um mich in die körperliche Liebe oder zumindest einen Teil davon einzuführen. Ich liefere mich ihr aus und vertraue mich ihr an. Ich werde mich ihr vollkommen ergeben. Es wundert mich nicht, dass es nun auch für sie spannend geworden ist. Ich weiß, dass sie allen ihren Gästen mit Liebe und Zuneigung begegnen möchte, und das bewundere ich. Doch ich bin froh, ihr einen Grund gegeben zu haben, mich zu mögen. Denn ich spüre, wie ihre maskenhafte Freundlichkeit einer beginnenden Zuneigung weicht. Das Eis ist gebrochen.

Es ist soweit. Sie bittet mich, mich ihr gegenüber auf den Massagetisch zu setzen. Wir sehen uns in die Augen, wie ich es bei Andro gelesen habe. Sie ist mir schon so vertraut, dass es mir gar nicht schwer fällt. Sie hat ein breites, ernstes Gesicht. Je länger ich es ansehe, desto schöner finde ich es. Ihre Augen leuchten grau. Für die nächsten zwei Stunden wird sie mich auf eine sinnliche Reise durch meinen Körper entführen. Wenn mich irgendetwas beunruhigt, soll ich es sagen. Doch ich weiß, was mich erwartet.

Unsere Hände liegen aufeinander. Ich soll die meinen zurückziehen, wenn ich bereit bin. Das klingt im ersten Augenblick wie ein Widerspruch. Ich zögere, weil mir die Kontrolle über den Zeitpunkt gefällt; vielleicht auch, weil ich Angst habe. Sie nimmt eine unentschlossene Bewegung von mir zum Anlass, ihre Hände sanft zurückzuziehen, und ich gehe darauf ein. Das Spiel hat begonnen.

Sie bittet mich, mich neben den Tisch zu stellen und ihr den Rücken zuzuwenden. Dann lehnt sie sich an mich. Ich spüre ihren Atem. Sie beschreibt eine Spirale, von der ich bei Andro gelesen habe, abwärts um meinen Körper, um mich wie einen Baum mit der Erde zu verwurzeln. Sie kniet vor mir nieder, berührt mit ihrem Kopf den Boden zu meinen Füßen. Es bewegt mich, sie so zu sehen.

Sie greift von hinten um meine Lenden und öffnet den Gürtel meines Kimonos. Dann löst sie ihn von meinen Schultern und lässt ihn zu Boden gleiten. Ich sehe an mir herab und bemerke meine leichte Erektion. Dann konzentriere ich mich auf ihre Berührung, die an meiner Körperrückseite auf und ab streicht.

Nun soll ich mich mit dem Bauch auf den Massagetisch legen. Er ist angenehm weich. Sie bittet mich, mich weiter nach oben zu legen, da meine Füße über das Ende hinausragen. Dann fragt sie mich, ob ich ein Kopfkissen möchte; manche mögen eines, andere nicht. Ich versuche es ohne, da ich auch ohne Kissen auf dem Bauch schlafe. Allerdings soll ich nun beide Arme neben den Körper legen, was die Spannung auf den Hals etwas erhöht. Ich überlege, ob ich sie vielleicht doch noch nach dem Kissen fragen soll, aber sie hat schon mit der Massage begonnen.

Sie wendet sich meinem Rücken zu, und ich bin nur noch Rücken, chronisch verspannt vom vielen sitzen, froh über jede Berührung. Sie streicht mit den Daumen die langen Rückenstrecker neben meiner Wirbelsäule aus, und ich genieße es, denn ich hatte die ganze Woche Rückenschmerzen. Sie wippt meinen Unterleib hin und her, und ich überlege, ob ich die Bewegung unterstützen soll oder zu steif bin, oder was sie wohl damit bezweckt; sie will mich vermutlich locker machen.

Ab und zu streicht sie über meine Füße, und wir bemerken dann beide, dass sie noch kalt sind. Sie massiert sie nach und nach warm. Im Hintergrund läuft Musik, die ich jedes Mal sehr schön finde, wenn ich auf sie achte, und sie dann über ihren Berührungen wieder vergesse.
Sie wendet sich meinem rechten Arm zu, zieht ihn lang und klopft meinen Bizeps sachte auf die Liege. Ich öffne die Augen und bemerke, dass sie ihr Oberteil abgelegt hat. Sie trägt nur noch eine Kette aus Silber. Ich schließe wieder die Augen, da ich sie nicht anstarren möchte.

Sie massiert meine Hand und kniet dazu herab. Als ich die Augen öffne, sehe ich nur ihren Kopf und Schultergürtel über dem Liegenrand. Ihr Gesicht ist vollkommen entspannt, ruhig und konzentriert. Sie nimmt ernst, was sie tut, tut es aufmerksam und hingebungsvoll, ohne Hast, ohne Ärger und ohne Angst. Sie ist schön. Unsere Blicke treffen sich, und sie lächelt mich an. Ihr Lächeln zeigt mir, dass sie Freude hat an dem, was sie tut. Es erzählt mir, dass sie in diesem Augenblick eins ist mit meinem Körper und der Welt. Ohne jede Furcht. Sie lächelt mich so selbstverständlich an, als würde ich seit Jahren bei ihr sein. Und ich lächle zurück. Mein Lächeln sagt ihr, dass ich wie ein kleines Kind all das genieße, was sie mit mir tut. Dass ich ihr vertrauen möchte. Dass ich mich ganz in ihre Hände legen will, bis ich nur noch treibe wie ein Blatt im Wasser, das alles um sich herum vergessen hat. Ich bin im Bann ihrer Berührung. Ich genieße es, mich ihr auszuliefern, mich ihren liebevollen Händen hinzugeben.

Nun kommt der andere Arm. Ich warte wieder, bis sich ihr verwirrender Körper unter den Horizont der Liege gesenkt hat. Dann öffne ich die Augen, um ihr Gesicht zu betrachten, aus dem alle Anspannung verschwunden ist. Sie schenkt mir wieder ein Lächeln. Nicht, weil sie muss, oder aus Höflichkeit, sondern weil sie es fühlt. Es taucht aus ihr auf wie der Mond in einem stillen See.

Ich weiß nicht mehr, was vorher und nachher ist. Sie reibt ihre Hände warm und legt sie auf meinen Rücken, dort, wo ihn verkürzte Muskeln ins Hohlkreuz ziehen. Dann wandert ihr heißer Atem meine Wirbelsäule entlang. Unterwegs verliere ich ihn, da mein Körper verlernt hat, so zarte Empfindungen zu spüren. Sie legt sich auf mich, ruht mit ihrem ganzen Gewicht auf mir. Sie ist eine zierliche Frau und doch angenehm schwer. Es wundert mich, dass ich ihre Brüste nicht fühlen kann, und ich verstehe erst später, dass sich ihr Druck verteilt. Ich kann nur ahnen, wie weich sie sind. Es kostet Kraft, ihren Körper mit meinem Atem zu heben, und macht gleichzeitig Spaß. Sie atmet mit mir, atmet heiß in meinen Rücken. Es ist ein aufregendes Spiel.

Sie beugt sich langsam über mich und berührt meinen Kopf mit ihrem Bauch. Ich öffne die Augen und sehe ihre Körperseite, die sich über mich wölbt. Sie atmet mit mir, und ihr Bauch schmiegt sich an mich.

Zwischendurch spielen wir immer wieder ein Spiel mit unseren Händen, und jedes Mal ein wenig zärtlicher. Sie streicht meine Arme aus, die mit den Handflächen nach oben unsichtbar neben mir liegen. Wenn ihre Hände durch die meinen gleiten, bewege ich meine Fingerspitzen ein wenig, um die ihren so lange wie möglich zu spüren, bevor ich sie verliere. Obwohl ich mich nur wenige Millimeter bewege, habe ich Skrupel, weil ich meine Rolle nicht verletzen möchte. Denn nun bin ich es, der sie berührt. Unendlich vorsichtig. Ich möchte ihr damit zeigen, wie sehr ich ihre Zuwendung genieße. Ich möchte ihre Zärtlichkeit erwidern, auch wenn ich das nicht darf. Es ist ein verwirrendes Spiel.
Mein Schienbein liegt auf ihrem Schenkel. Ich mache mir Sorgen, dass es sie drücken könnte. Doch dann würde sie es wohl anders legen. Nun kommt mein anderes Bein an die Reihe, und ich genieße die zärtliche Wiederholung des Ablaufs. Sie legt es der Länge nach an ihren weichen Körper, vielleicht an ihren Bauch. Dann kommt sie zu meinem Fuß, und ich scheue mich davor, ihr die ganze Last meines Beines zuzumuten. Sie bemerkt es. »Ganz schwer machen«, sagt sie leise, sagt es voller Hingabe, und ich lasse mich fallen, verheddere mich nur noch kurz in Gedanken und spüre dann, wie ihre Fingerspitzen meinen großen Zeh umschließen. Die Empfindung prägt sich in mich ein und formt eine neue Erkenntnis, die mich zu begleiten beginnt. Sie ist lieb.

Sie ist mal hier und mal dort. Ich habe keine Ahnung, wo sie steht, denn sie bewegt sich lautlos. Ihre Fingerspitzen streichen von meinen Füßen bis zu meinem Kopf, und ich genieße es in vollen Zügen, wenn sie unterwegs mein Perineum besuchen. Ich bin so froh, dass sie immer wiederkommen, versuche es ihr mit meinen Atemzügen zu zeigen. Es ist schön, dort von ihr berührt zu werden.
Nun soll ich mich auf den Rücken legen. Mein intimster Bereich liegt offen vor ihr. Doch da ich inzwischen Vertrauen gefasst habe, gebe ich mich gerne hin. Ich weiß, dass sie nur tun wird, was gut für mich ist. Darum kann sie mit mir machen, was immer sie will. Ich vertraue ihr vollkommen.
Gleichzeitig bemerke ich, dass die Spitze meines Gliedes feucht ist. Ich möchte ihr das nicht zumuten und bitte sie schüchtern um ein Tuch, um den Tropfen abzutupfen. Es überrascht mich, dass er zähflüssig ist - damit hatte ich nicht gerechnet. Nun überlege ich, ob ich das Tuch zu meinen Sachen werfen soll, die sehr weit weg zu liegen scheinen. Doch sie bietet an, mir das Tuch abzunehmen, und ich bin froh darüber. Es macht ihr nichts aus, es zu berühren.

Sie streichelt mich mit ihren Haaren und schickt mit einer großen weichen Feder Schauer der Entzückung über meine Haut. Dann folgt eine liebevolle Gesichtsmassage. Nach der Freude über ihre Zärtlichkeit, die mich eher gedanklich berührt hat, beginnt sich nun körperliche Ekstase abzuzeichnen. Sie streicht Öl auf meine erogenen Zonen, was mich an eine Abbildung in Andros Buch erinnert. Einige davon waren neu für mich. Ich kannte allerdings die sensiblen Stellen auf meinem Bauch, links und rechts unter dem Rippenbogen. Sie zucken zusammen, als sie über sie streicht. Auch mein Körper beginnt, mit ihr Freundschaft zu schließen. Er bebt unter ihren Berührungen.

Ein kribbelndes Gefühl breitet sich in meinen Armen aus, als seien sie abgestorben gewesen. Doch das kann nicht sein, denn sie lagen ganz entspannt. Ich lege sie zur Sicherheit ein- oder zweimal um und bewege meine Schultern. Die Empfindungen, die Silvia in meinen Körper zaubert, werden immer intensiver. Meine Brust schwillt in tiefen Atemzügen. Noch nie habe ich so viel geatmet. In meinen Händen entsteht ein Vibrationsgefühl. Es breitet sich aus. Gleichzeitig baut sich in meinem Rumpf eine andere Spannung auf. Meine Muskulatur verhärtet sich unter ihren Berührungen, die nun noch sinnlicher geworden sind. Ich ahne, dass ich auf der Schwelle zu einer neuen Erfahrung stehe, und bin benommen von dem intensiven Genuss. Ich weiß nicht, wie mir geschieht, und ob ich so viel Glück ertragen kann. Auch mein Körper hat Angst. Angst vor dem Glück. Und so bahnt sich das Druckgefühl meiner Blase, die schon immer Angst vor Frauen hatte, ausgerechnet jetzt den Weg in mein Bewusstsein und erfüllt mich mit Sorge. Ich habe Angst, die Kontrolle zu verlieren, denn ich muss immer alles kontrollieren, meine Gefühle und meinen Körper. Ihr Spiel ist so schön, dass ich es kaum über mich bringe, sie zu bremsen. Ihr Atem tanzt auf mir, und ihre Hände schicken Gefühle über meinen Körper, die ich nicht kannte. Als ihr Kopf in die Nähe des meinen kommt, kann ich ihren Namen nur flüstern. Es ist, als würde ich den Flug eines Adlers unterbrechen.

»Kann ich kurz auf die Toilette gehen, oder bringt uns das raus?« Natürlich bringt es uns raus, was sie aber nicht sagt. Sie reagiert verständnisvoll. Sie ahnt vielleicht, was mir gar nicht klar ist: es hat mich so überwältigt, dass ich Angst bekam und nun um eine Pause flehe.

Andererseits stelle ich im Bad dann fest, dass meine ängstliche Blase tatsächlich sehr gefüllt war. Das Kribbeln in meinen Händen klingt ab. Ich mache mich sauber und kehre zu Silvia zurück. Ich muss lächeln, als ich sie wiedersehe, einfach weil ich mich freue. Ich lege mich zurück auf die Liege, zuerst nicht ganz in die Mitte, worauf sie mich aufmerksam macht. Ich hatte gehofft, wir würden genau dort weitermachen, wo wir aufgehört hatten; aber wie sollte das gehen, nachdem ich den Spannungsbogen gekappt habe. So vollzieht sie nun das Waschritual, was ja auch ganz passend ist. Ich habe das Gefühl, als hätte ich durch meinen Ausflug ins Badezimmer einen Teil der Magie zerstört. Es kommt mir vor, als hätte sich all das vorsichtige Vertrauen und die Erregung, die mein Körper nach und nach aufgebaut hatte, wieder verflüchtigt. Jetzt müssen wir wieder von vorne anfangen - wie schade. Doch sie tut es voller Verständnis und Anteilnahme. Sie faltet ihre Hände und schließt die Augen. Es ist ein stilles Bild des Friedens. Ich lehne mich zurück, obwohl ich schon liege, und lasse mich wieder in ihre Obhut fallen.

Sie wäscht mich sehr zärtlich. Während sie die unsichtbaren Waschlappen in das warme Wasser taucht, bleibt sie mit einer Hand bei mir. Sie weiß, wie sehr ich an ihrer Berührung hänge. Wenn sie auch ihre zweite Hand kurz zum auswringen braucht, verabschiedet sie sich von mir mit einem zarten Druck. Sie berührt mich jetzt nicht mehr an der Oberfläche meiner Haut. Sie berührt mich ganz tief in meinem Inneren.

Nun kommt das Finale, dessen tiefere Dimension sich mir erst in den folgenden Tagen erschließen wird. Sie kniet zwischen meinen Beinen, die sie um sich herum gelegt hat, und massiert meinen Penis. Sie tut es geduldig und ausgiebig. In meinem Kopf beginnt es heftig zu arbeiten. Mein Bewusstsein ist getrübt. Mir ist nicht klar, dass gerade etwas Gewaltiges mit mir passiert. Sie berührt mich an meiner intimsten Stelle, sehr lange und intensiv. Das ist in gewisser Weise ein Schock für mich. Allein das Bild ist schon drastisch, wie ich auf dem Rücken liege, die Beine um sie gelegt, sie aber nicht zu umklammern wage, eine Hand neben ihrem Knie, das ich mich kaum berühren traue, die Augen zitternd geschlossen.
Manchmal, wenn sie ein besonders merkwürdiges Gefühl auf meiner Eichel erzeugt, hebe ich kurz die Augenlider, weil ich mir nicht erklären kann, wie sie das allein mit ihren Händen gemacht hat. Doch dann sehe ich ihren Kopf am unteren Rand meines Blickfeldes in einigem Abstand zu meinem Unterleib und komme zu dem Ergebnis, dass ihr Mund nicht beteiligt gewesen sein kann. Ich bin verwirrt. Meine Gedanken sind geprägt vom zweiten Durchleben einer traumatischen Erfahrung, ohne dass mir das bewusst wird. Stattdessen denke ich, dass ich nicht sehr erregt bin, gern stärker erregt wäre, aber nicht genau weiß, was ich tun kann. Ich versuche, meinen PC-Muskel anzuspannen. Vielleicht wertet sie es irrtümlich als spontane Reaktion, denn ihre Massage scheint darauf Bezug zu nehmen. Später werde ich mich nicht einmal erinnern können, ob ich eine Erektion hatte, beziehungsweise wie stark sie war. Denn ihre Berührungen sind so neu und anders als die, die ich kannte. Auch fühlt man, wenn man seinen eigenen Penis in der Hand hält, deutlich die Stärke der Erektion mit den Fingern; doch wenn ihn jemand anders berührt, ist es verblüffend ungewiss. Meine Gedanken drehen sich darum, dass ich unbedingt zum Orgasmus kommen will. Und dann denke ich, dass sie das »alleine machen muss«. Diesen Gedanken habe ich in einer ähnlichen, nur viel unangenehmeren Situation schon einmal gedacht, wie mir später klar werden wird. Und dann werde ich auch erkennen, dass unbewusste Hemmungen und die traumatische Erfahrung von damals jetzt meine Erregung blockieren.

Schließlich sagt sie: »Ich glaube, es ist jetzt gut, oder?« Ich nicke erschöpft von meinem inneren Kampf und bin frustriert, nicht zum Orgasmus gekommen zu sein. Dann fragt sie: »Brauchst du noch etwas?«, was ich nicht ganz einordnen kann. Ich schüttle jedenfalls den Kopf. Später werde ich mir Sorgen machen, dass ich vielleicht gar keine Erektion hatte, weshalb sie nach einer halben Stunde Lingam-Massage schließlich aufgab. Oder hat sie mich einfach nur massiert, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben? Letztendlich wird mir diese Frage nicht mehr wichtig erscheinen.

Zum Abschluss streicht sie über meine Brust, während sie an der Liege entlang zu meinem Kopf geht. Sie entdeckt die Träne in meinem Gesicht und streicht sie gerührt von meiner Wange. Dabei kommt ein Seufzer so weich und tief aus ihrem Inneren, dass ich an ihrer Anteilnahme keinen Zweifel habe. Wir sehen uns an, und ich spüre, dass ich diesen Augenblick nie vergessen werde.

Sie hat mich mit einem Tuch bedeckt, bis auf den linken Fuß, der zu weit außen lag, und das Zimmer verlassen, um uns etwas zu trinken zu holen. Meine Arme vibrieren in einem kribbelnden Gefühl, das gegen Ende der Massage zurückkam und nun auch Schultergürtel und Kopf erfasst. Es ist sehr intensiv.

Nach einiger Zeit kommt sie mit zwei Gläsern zurück, in die sie Mineralwasser gießt. Ich setze mich langsam auf. Das schöne, seidenartige schwarze Tuch, in das Rosen gestickt sind, wenn ich sie recht erkenne, fällt dabei in meinen Schoß. Ich bin noch etwas benommen, stoße still mit ihr an, bevor ich zu trinken beginne. Dann erzähle ich ihr von dem kribbelnden Gefühl, hinter dem ich zunächst »Energie« vermute, bis sie mir erklärt, dass es mit meiner verstärkten Atmung und dem zusätzlichen Sauerstoff zusammenhängt. »Ist das gut oder schlecht?«, frage ich und lerne aus ihrer Antwort, dass man diese Empfindungen nicht zu werten braucht.

Meine Zähne stoßen beim Trinken an das Glas; ich bin noch nicht ganz bei mir. Während sie mich ansieht, senke ich schüchtern den Blick. Ich taste mich nur langsam nach all den berauschenden und verwirrenden Eindrücken in die Gegenwart zurück.
Sie erklärt, dass es sehr schön für sie war, mich zu massieren, und ich spüre, dass es von Herzen kommt. Ich empfinde es als Kompliment und bedanke mich dafür.

Ich kannte vorher keine Frau, die so ehrlich und mutig ihre Liebe zur menschlichen Natur entfaltet hat. Und ich musste ihr spirituelles Weltbild nicht teilen, um das anzuerkennen. Tatsächlich konnte ich die Massage von Meridianen, Akupressurpunkten und Reflexzonen auch genießen, ohne an eine Heilung innerer Organe zu glauben. An den tiefgreifenden Auswirkungen ihrer liebevollen Berührungen auf meine Psyche und mein Leben habe ich dagegen keine Zweifel. All das erzähle ich ihr nicht.

Wir sprechen über die Unterbrechung. Ich frage sie, ob sie mich auch sonst gewaschen hätte. Sie bejaht, diese Ruhephase wäre auch sonst gekommen. Ich erzähle ihr, dass ich gegen Ende der Massage Schwierigkeiten hatte, mich fallen zu lassen, und zuviel nachdachte, obwohl ich wusste, dass es nur um das Beobachten und Wahrnehmen ging, wie sie in ihrem Vortrag geschrieben hatte. Sie fragt mich, woran ich gedacht habe - an meinen PC-Muskel, das wundert sie. »Ich wusste nicht, ob man ejakuliert, und wie ich Dir helfen sollte«, erkläre ich ihr, und verschweige ihr den merkwürdigen Gedanken »Das muss sie alleine machen«, dessen zurückliegende traumatische Ursache ich erst später erkennen werde. Ich äußere die Vermutung, dass man sicher lernen kann, sich bei der Lingam-Massage fallen zu lassen, und sie stimmt mir zu.

Ich steige vom Tisch, und mir wird bewusst, dass ich immer noch nackt in ihrer Gegenwart bin. Es ist beeindruckend, weil sie mich so intim gesehen und berührt hat, dass ich mich eigentlich nicht mehr zu bedecken brauche. Ich greife dennoch zu dem blauen Kimono. Dann erkläre ich, dass ich wohl duschen gehen werde, und sie sagt, dass sie sich jetzt auch so langsam fertig machen muss. Sie gibt mir ein Handtuch und sieht nach, ob das Bad frei ist.

Zurück im Zimmer ziehe ich mich an. Sie zieht den Vorhang zurück und öffnet das Fenster, um frische Luft hineinzulassen. Ich betrachte die gegenüberliegende Häuserfront mit vielen herabgelassenen Jalousien und überlege, ob uns jemand sehen kann. Wir sprechen über das warme Wetter. Jetzt steht sie mir gegenüber. Es ist eigenartig, da sich unsere Rollen wieder geändert haben.

Ich frage sie, ob ich ihr nun das Geld geben soll. Sie zuckt mit den Schultern und bringt zum Ausdruck, dass das schon ein guter Zeitpunkt wäre. Sie legt es auf den Tisch; dort kann ich es ja nächstes Mal gleich deponieren, denke ich später, was uns diesen eigenartigen Vorgang des Bezahlens ersparen würde.

Silvia bringt mich freundlich zur Tür. Sie sieht mir nach, während ich die Stufen herabsteige. Kurz bevor die schwere Tür ins Schloss fällt, drehe ich mich zu ihr um und sehe sie in dem sich schließenden Spalt.
Es waren die aufregendsten Stunden in meinem Leben. Einen Tag später sitze ich im Kino und weine, obwohl ich noch nie im Kino geweint habe. Und ich denke, dass mein Besuch bei Ananda genauso spannend war wie ein Kinofilm. Doch es war kein Film. Es war Wirklichkeit.

(Dieser Bericht stammt von einem unserer Massagegäste, der nicht genannt werden möchte, den Namen der Masseurin haben wir verändert, leider arbeitet diese Masseurin nicht mehr mit Tantramassagen. Wir bedanken uns für die Offenheit und für den Text der uns alle sehr berührt hat.)

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